Gibt es überhaupt einen freien Willen?

Das wichtigste in Kürze

Ohne freien Willen gibt es keinen Sinn im Leben. Sowohl göttliche Vorherbestimmung als auch Hirnstrommessungen stellen den freien Willen in Frage. Eigentlich ein Freibrief, uns gehen zu lassen und jegliche Strafverfolgung einzustellen. Doch Vorherbestimmung ist fraglich und Hirnstrommessungen sind nicht Gedanken lesen. Er ist zwar winzig, aber es gibt ihn doch, den freien Willen.


Kein freier Wille, kein Sinn des Lebens

Zunächst stellt sich einmal die Frage, warum müssen wir uns in einem Blog über den Sinn des Lebens überhaupt mit dem freien Willen beschäftigen? Die Antwort ist einfach, weil sich ohne freien Willen die Sinnfrage überhaupt nicht stellt. Wer nach dem Sinn sucht, ist auf der Suche nach einem Grund für sein Handeln. Er will wissen, was soll ich tun, was soll ich unterlassen und vor allem, warum soll ich etwas tun oder unterlassen? Wenn ich aber über keinen freien Willen verfüge, so bin ich zum reinen Zuschauer degradiert, der ohnehin keinen echten Einfluss auf sein Handeln hat. Damit hat sich natürlich auch die Sinnfrage erledigt.

Es gibt Zweifel am freien Willen

Aus unserer Alltagserfahrung heraus ist das natürlich Unsinn. Wir handeln bewusst und sind für unsere Taten verantwortlich. Oder vielleicht doch nicht? Es gibt zwei Gründe, die massive Zweifel an unserem freien Willen wecken. Der eine Grund ist religiöser Natur, der zweite beruht auf neurologischen Studien. Beide kratzen massiv an unserem Bild von freien Willen.

Protagonisten in einem göttlichen Drehbuch

Beim religiösen Grund stellt sich die Frage, in wie weit unser Leben vorherbestimmt ist. Viele Kulturen und Religionen gehen davon aus, dass Gott allwissend und unsere Zukunft, unser Schicksal von Gott vorherbestimmt ist. Die griechische Mythologie ist voll von solchen Fällen der Vorbestimmung, typisch ist die selbsterfüllende Prophezeiung, bei der eben gerade der Versuch, das Schicksal abzuwenden zu seiner Erfüllung führt. Das bekannteste Beispiel ist Ödipus, dessen Eltern vorausgesagt wurde, er würde den Vater erschlagen und seine Mutter heiraten. Um das zu vermeiden sollte das Kind getötet werden. Ödipus aber überlebt und erfüllt viele Jahre später unwissentlich die Prophezeiung. Somit wäre unser freier Wille nichts als pure Einbildung, denn im Falle eines vorherbestimmten Schicksals hätten wir nicht die geringste Chance, etwas zu beeinflussen. Unsere Seele wäre nichts anderes, als ein Zuschauer, der einem Protagonisten innewohnt, der sich nach einem fest vorgegebenen Drehbuch verhält.

Die Hölle als göttliche Farce

Ein Mörder wäre somit gar nicht für seine Handlungen verantwortlich, da er ja nur das tut, was das göttliche Drehbuch von ihm verlangt. Somit wäre es auch eine göttliche Farce, die Seele einer solchen Person in die Hölle zu verdammen, wo sie doch nur das Pech hatte, vom göttlichen Drehbuchautor die Rolle des Mörders zugeteilt zu bekommen. Erschreckend ist bei diesem fatalistischen Ansatz, dass es zum Teil sehr überzeugende Berichte von Hellsichtigkeit gibt. Wenn aber auch nur ein einziger Hellseher in der Lage wäre, tatsächlich in die Zukunft zu blicken, so hieße das, es gibt wirklich eine Vorhersehung und das wäre das Ende des freien Willens.

Nur Zuschauer bei der Show unseres Lebens

Doch was sagen die Naturwissenschaften dazu? Es beruhigt zwar, dass die Existenz der sogenannten Präkognition bisher wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden konnte. Doch dafür verpasst sie unserem freien Willen in ganz anderer Form den Todesstoß. In neurologischen Studien des Physiologen Benjamin Libet konnte 1979 nachgewiesen werden, dass Handlungen, wie beispielsweise der Griff zum Bierglas, die Probanden als bewusste Tätigkeit erlebt haben, in Wirklichkeit von Hirnarealen vorbereitet werden, die nicht der bewussten Steuerung unterliegen. Bereits zehntel Sekunden bevor wir eine Handbewegung ausführen und somit als bewusste Handlung wahrnehmen, entsteht in dem Bereich unseres Gehirns, der für willkürliche Bewegungen verantwortlich ist, ein entsprechendes Bereitschaftspotential, von dem wir bewusst noch gar nichts merken. Libet war von dieser Entdeckung nicht begeistert und entwickelte die Theorie, dass es zumindest möglich ist, in Form einer bewussten Entscheidung ein Veto gegen die unbewusst herbeigeführte Aktion einzulegen. Neuere Experimente von Kühn und Brass deuten aber darauf hin, dass selbst diese Veto-Entscheidungen unbewusst herbeigeführt und erst nachträglich als bewusst empfunden werden. Das würde bedeuten, dass es gar kein bewusstes Handeln gibt, sondern dass das ganze eine Illusion ist, die uns von unserem Gehirn nur vorgegaukelt wird.

Doppelte Bestrafung eines Mörders

Wir sehen also genau das bestätigt, was die Tatsache eines vorgegebenen Schicksals zur Folge hätte. Wir wären nichts anderes als Fernsehzuschauer, die nicht in die Handlung eingreifen können. Das würde letztendlich bedeuten, dass unsere Seele auf ein reines Zuschauerdasein im Inneren unseres Körpers verdammt wäre. Somit würde im Falle eines Mörders seine Seele doppelt bestraft. Zum einen dadurch, dass sie das Pech hat, in dem Körper eines solchen Monsters hilflos seinen Taten beiwohnen zu müssen und zum anderen durch die Justiz, die durch Gefängnis oder gar die Todesstrafe dieser ohnehin gequälten Seele auch noch weiteres Leid zufügt.

Das Ende des Sinns des Lebens

Egal, ob wir nun dem Problem aufgrund unserer religiösen Überzeugung oder aus neurologischer Sicht begegnen, bekommen wir dadurch ein massives Problem. Die Frage nach dem Sinn des Lebens können wir getrost vergessen. Am besten wir stellen unsere Suche danach und unser Streben nach einem besseren Leben ein. Beides ist doch ohnehin sinn- und wirkungslos. Wir können uns also ganz bequem zurücklehnen und zuschauen, was die göttliche Vorsehung bzw. der unterbewusste Showmaster in unserem Gehirn noch so alles für uns parat hält. Manche nennen das Fatalismus, andere schulterzuckend Kismet. Das einzige, was vielleicht noch Sinn macht, ist gegen jegliches Strafrecht anzukämpfen, denn aus diesem Betrachterstandpunkt ist kein Täter schuldfähig.

 Wir spüren, wenn wir nicht frei entscheiden

Ich hoffe, dass spätestens jetzt nicht nur Juristen sondern alle meine Leser laut protestieren. Denn das widerspricht ganz und gar unserem Erleben. Denn es gibt einen ganz klaren Unterschied zwischen einem Leben mit bewussten Entscheidungen und einem sich völlig gehen zu lassen. Ja, jeder von uns kennt die Tage in denen wir antriebslos dahintreiben und nicht Herr im eigenen Haus sind. Dabei merken wir sehr genau, wann es so weit ist, dass wir eine Entscheidung nicht aus freien Stücken getroffen haben, sondern weil wir widerstandslos das tun, was jemand anderes von uns erwartet oder wir willfährig unseren Trieben folgen. Keiner von uns hat ständig das Gefühl, nach einem fremden Willen zu handeln. Von daher kann ich weder die Sicht der Neurologen uneingeschränkt teilen, noch glaube ich an eine unumkehrbare göttliche Vorhersehung. Hinzu kommt, dass die Quantenphysik mit ihren absolut zufälligen Quantenentscheidungen der Vorstellung einer vorherbestimmten Zukunft widerspricht.

Auch Menschen können in die Zukunft blicken

Aber was ist dann mit all den Visionen und Vorhersagen, die zum Teil wirklich zugetroffen sind und für die es keine Erklärung gibt? Auch wenn es nicht unbedingt für einen wissenschaftlichen Nachweis taugt, glaube ich nicht unbedingt an Betrug oder Einbildung. Immerhin ist eine Prognose zukünftiger Ereignisse auch für uns Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit möglich. Zwar kann niemand 12 Monate im Vorhinein prognostizieren, an welchem Ort sich irgendein beliebiger Mensch genau befinden wird und was er dort tut. Dennoch können wir mit nahezu 100-prozentiger Sicherheit voraussagen, dass im nächsten Jahr der Bürgermeister von München pünktlich um 12 Uhr am ersten Samstag der Wies‘n ein Bierfass anzapfen wird und die erste Maß dem Bayerischen Ministerpräsidenten mit den Worten „O’zapft is!“ überreicht. Das ist natürlich keine Leistung, da es sich um ein Ereignis handelt, das auf einem festen Termin beruht, der durch bewusstes Handeln von uns Menschen herbeigeführt wird.

Hellsehen ganz ohne Filmrolle

Aber es gibt auch Prognosen, wie beispielsweise das Auftreten von Sonnen- und Mondfinsternissen, die aufgrund der zeitlichen Konstanz und Stabilität kosmischer Prozesse extrem langfristig und mit hoher Wahrscheinlichkeit angestellt werden können. Und selbst so chaotische Prozesse wie das Wetter lassen sich mittlerweile Wochen im Voraus vorhersagen. Meines Erachtens ist es also prinzipiell denkbar, dass ein spirituell begabtes Medium einzelne zukünftige Ereignisse treffend vorhersagen kann. Denn wenn wir Menschen bereits in der Lage sind, die Zukunft gemäß unserer Terminplanungen zu steuern, bzw. komplexe Abläufe langfristig vorherzuberechnen, sollte das auch einer höheren geistigen Macht möglich sein, ohne dass deswegen gleich jede beliebige Zukunft wie auf einer Filmrolle bereits vorbestimmt sein muss.

Selbst Fernsehzuschauer können umschalten

Was die Versuche von Libet anbelangt müssen wir ganz klar zugeben, dass viele unserer Handlungen rein unbewusst ablaufen. Wahrscheinlich weit über 90 Prozent. Wenn Sie morgens mit dem Auto in die Arbeit fahren, können Sie davon ausgehen, dass alle Ihre Handgriffe Routine sind. Vom Einsteigen über das Spiel zwischen Gas, Kupplung und Bremse und selbst das Finden des richtigen Weges sind Abläufe, die unbewusst funktionieren. Nicht umsonst sind Sie auch in der Lage, während Sie das alles tun, unabhängig davon bewusste Gedankengänge zu formulieren und Gespräche zu führen. Oft sind bewusste Entscheidungen nur ein kurzes Aufblitzen mit dem ein ganzes Programm unbewusster Handlungen gestartet wird. Das ist vergleichbar mit unserem Fernsehzuschauer, der zwar keine Verantwortung für den Verlauf eines Filmes trägt, aber dafür, welchen Film er sich anschaut. Durch Umschalten kann er sehr wohl beeinflussen, welcher Art sein Erleben eines Fernsehabends ist. Er trägt also die Entscheidung, ob er sich einen Horror- oder einen Liebesfilm ansieht. Hier setzt ja auch Libet mit seiner Idee eines bewussten Vetos an. Ähnlich ist es mit unserem Autofahrer. Auch wenn er kaum bewusst unter Kontrolle hat, wann und wie er anfährt, so obliegt es dennoch seiner bewussten Entscheidung, nicht in die Arbeit zu fahren, und stattdessen einen Ausflug in die Berge zu unternehmen.

Hirnströme messen ist nicht Gedanken lesen

Doch warum kommen dann Kühn und Brass zum Ergebnis, dass selbst dem bewussten Veto noch unbewusste geistige Aktivitäten vorausgehen? Zunächst müssen wir bedenken, dass weder Libet noch Kühn und Brass in der Lage sind, Gedanken zu lesen. Sie können lediglich nachvollziehen, an welcher Stelle im Gehirn zu welchem Zeitpunkt Aktivitäten ablaufen und ab wann wir bewusst davon Kenntnis haben. Nun ist aber die Komplexität unseres Denkens und die der damit verbundenen Hirnstrukturen gewaltig. Die Vorbereitung und Durchführung einer aktiven Handlung umfasst zahlreiche Ebenen unseres Geistes und Areale unseres Gehirns. Damit wir überhaupt merken, dass es etwas zu entscheiden gibt, sind zum Teil umfangreiche Vorarbeiten nötig, die sich natürlich über Hirnströme messen lassen. So etwas lässt sich nicht mit einem so simplen Beispiel, wie dem Fernsehschauen vergleichen.

Komplex wie der Bau von Straßentunneln

Was bei einem geistigen Veto abgeht, dürfte eher der Entscheidung entsprechen, einen neuen Straßentunnel zu bauen. Da ist es auch nicht so, dass eines Morgens der verantwortliche Bürgermeister aufwacht und sich denkt: „Ach heute hätte ich Lust, einen Tunnel bauen zu lassen.“ Meist treten Betroffene, wie z.B. die Anwohner an die Entscheider heran und fordern, dass gegen Lärm und Stau etwas getan werden muss. In der Regel passiert erst einmal gar nichts, doch kurz vor den Wahlen erinnert sich die Politik daran, dass es in der Gegend ja noch Wähler gibt, die es zu überzeugen gilt. Also wird nach einigem Hin und Her in den entsprechenden Ausschüssen eine Studie beauftragt, was man gegen den Stau am besten unternehmen könnte. Unter zahlreichen Optionen gibt es da auch den Tunnel. Für die Anwohner die beste, für die Stadt die teuerste Lösung. Deshalb wird erst einmal versucht, eine billigere Alternative durchzudrücken, gegen die es aber aus den verschiedensten Ecken Widerstand gibt. Irgendwann ist es dann so weit, das Geld und die Bereitschaft für den Bau des Tunnels ist da, eine entsprechende Entscheidung wird im Stadtrat getroffen. Doch dann beginnen erst einmal die Planfeststellungsverfahren bis tatsächlich die Baugenehmigung erteilt ist. Zwischen dem ersten Bürgerbegehren und dem ersten Spatenstich vergehen bei Großprojekten somit zum Teil Jahrzehnte.

Die Verantwortlichen tun mal wieder nichts

Zählen wir nun nur die Aktivitäten der an der Bauentscheidung Beteiligten – und nichts anderes tun Libet, Kühn und Brass mit der Messung von Nervenaktivitäten – so müssen wir feststellen, dass der offiziell für die Entscheidung verantwortliche Bürgermeister derjenige ist, der am wenigsten involviert ist. Während die betroffenen Bürger massenhaft Sturm laufen, die beauftragten Planer und Gutachter monatelang Konzepte erarbeiten und bewerten, die Planungsausschüsse sich die Köpfe heißdiskutieren tut der Bürgermeister unter Umständen gar nichts, solange die Ergebnisse dieser Vorarbeiten seinen eigenen Vorstellungen entsprechen. Dennoch ist am Ende er es, der für den Tunnelbau verantwortlich ist. Wäre er aus Überzeugung dagegen gewesen, hätte er das Projekt verhindern können. Und auch hier wäre dem bewussten Veto eine ganze Reihe von Sitzungen vorangegangen, in denen dem Bürgermeister ein Gegenvorschlag unterbreitet worden wäre.

Und es gibt ihn dennoch, den freien Willen

Und genauso laufen die wirklich wichtigen Entscheidungen in unserem Leben ab. Unsere Triebe, unsere Komplexe, gesellschaftliche Zwänge, Werbung, Befehle und noch viele andere Einflussfaktoren starten Entscheidungsprozesse, die wir nur zum Teil bewusst beobachten. Wenn wir sie billigen, oder es uns innerlich nicht wichtig ist, lassen wir die Automatismen ablaufen ohne einzugreifen. Egal, ob das der Griff zur Zigarette, ist, obwohl wir eigentlich mit dem Rauchen aufhören wollten oder das Verlangen, die Pistole sinken zu lassen, weil wir Skrupel haben, jemanden zu ermorden. Wenn wir es wirklich wollen, werden wir aber die Zigarette entgegen unseres Verlangens zurückstecken und wir werden trotz massiver innerer Hemmschwellen die Pistole abfeuern. Somit verfügen wir trotz vieler neurologischer Automatismen tatsächlich über einen freien Willen, der sowohl für die bewussten Taten als auch für das bewusste Unterlassen einer Handlung die Verantwortung trägt.

Die Größe des freien Willens wird überschätzt

Es stellt sich nun nur noch die Frage, wie groß ist der bewusste Anteil bei diesen Entscheidungen, wie groß ist unser freier Wille? Meines Erachtens ist er winzig. Auch hier kommt wohl das Beispiel des Bürgermeisters einer Großstadt der geistigen Realität am nächsten. Nur im allerseltensten Fall gibt es ein bewusstes Einschreiten. Je älter wir werden, desto besser passen die Automatismen zu unseren Überzeugungen. Warum also aktiv einschreiten, wenn die Referate einer eingespielten Stadtregierung ohnehin genau das tun, was das Stadtoberhaupt wünscht? Diese Annahme stimmt übrigens auch hervorragend mit den Mechanismen überein, wie ein metaphysischer Geist überhaupt mit unserem Körper kommunizieren kann. Dazu mehr in den beiden Beiträgen „Wie kann der Geist unseren Körper beeinflussen?“ und „Wie können wir mit dem allumfassenden Geist kommunizieren?“..

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