Wieso gibt es die Getrenntheit?

Das Wichtigste in Kürze

Unsterblichkeit ohne Abwechslung ist unerträglich. Erst durch Getrenntheit entsteht das Individuum, erst durch sie werden Überraschungen, große Gefühle wie Liebe, aber auch spannende Abenteuer möglich. Getrenntheit ist die Zerstreuung des Geistes, die Möglichkeit der Ödnis des Daseins zu entfliehen.


Triebfeder Lust auf Neues?

Im vorangegangenen Blogbeitrag habe ich mich mit der Frage auseinandergesetzt, „Wie sehr verantwortet der Geist das Leid?“ und obwohl der Geist zwangsläufig nach dem Guten strebt, hat er sich für Leben und somit auch für Leid, Elend und indirekt auch für das Böse in der Welt entschieden. Dabei habe ich die ketzerische Behauptung aufgestellt, es könnten ihn letztendlich Langeweile und Lust auf Neues dazu getrieben haben, eine belebte Welt zu erschaffen.

Langeweile im Paradies

Warum unternehmen wir in unserer Freizeit etwas, anstatt bequem und sicher daheim zu sitzen und zu warten, dass die Zeit vergeht? Weil diese Alternative furchtbar langweilig ist. Mich hat einmal ein guter Freund gefragt, welcher Ort für mich der paradiesischste auf Erden sein. Ich nannte ihm den Namen eines wunderschönen Parks, den ich an schönen Sonnentagen oft und gerne aufsuche. Dann fragte er mich, ob ich es mir wünschen würde, auf immer und ewig an einem Sommertag an diesem paradiesischen Ort zu verweilen. Ich verneinte das vehement, denn ich war mir bewusst, dass mir selbst in diesem wundervollen Park schon nach wenigen Stunden furchtbar langweilig werden würde. Was treibt den Esel aufs Eis, anstatt seine Zeit am sicheren Ufer zu verbringen? Was veranlasst uns, fremd zu gehen? Was treibt uns in Abenteuer? Letztendlich sind es Langweile, Lust und Neugierde, die uns zu den verrücktesten und unvernünftigsten Dingen anstiften. Doch gilt das wirklich auch für den schöpferischen Geist? Begehen wir da nicht einen unzulässigen Anthropomorphismus, indem wir unser eigenes Verhalten dem allumfassenden Geist unterstellen? Ich behaupte nein. Denn letztendlich ist das Erleben des allumfassenden Geistes von der Summe aller erlebenden Einzelindividuen geprägt. Wie könnte ihm also etwas fremd sein, das die Summe vieler Individuen aus denen er besteht, gleichermaßen umtreibt?

Die Schrecken der Unsterblichkeit

Ich persönlich empfinde die Vorstellung eines Geistes, der in einem fühllosen Nichts ohne Eigenschaften dahinvegetiert und darauf wartet, wie die Ewigkeit an ihm vorbeizieht und niemals endet, unerträglich. Das ist, wie lebendig in einem Sarg eingeschlossen zu sein, ohne Chance, je herauszukommen aber auch ohne Chance, dem Eingesperrtsein durch den Tod entfliehen zu können. Dann lieber Schmerz und Leid im Kauf nehmen, als ein solches Schicksal erdulden zu müssen. Aus der Psychologie kennen wir das Phänomen der Selbstverletzung beispielsweise durch Ritzen. Ein solches Verhalten tritt sowohl bei Menschen aber auch bei Tieren in Gefangenschaft auf. Es ist unter anderem ein Versuch, der inneren Leere zu entfliehen, etwas zu spüren, selbst wenn das Gefühl Schmerz ist, Hauptsache fühlen! Und wie ich ja schon im Blogbeitrag „Wie real ist unser Geist?“ herausgearbeitet habe, ist es ja gerade die Fähigkeit zu Fühlen, die Gefühle, die den Geist ausmachen. Somit dürften wichtige Triebfedern des schöpferischen Geistes Langeweile, Lust und Neugierde sein, Triebfedern, die auf jeden Fall stärker sind, als der Wunsch nach Friede, Sicherheit und Fühllosigkeit.

Wozu dient dann aber die Getrenntheit?

Ein weiteres Indiz für Langeweile und Lust auf Neues ist die Existenz der Getrenntheit. Oder andersherum ausgedrückt, wieso hat der allumfassende Geist uns in einer Welt voller Leid und Elend auch noch mit Getrenntheit geschlagen? Wäre es für uns nicht viel beruhigender, einen wie auch immer gearteten Kontakt zum allumfassenden Geist zu besitzen, der uns Trost und Halt gibt. In der römisch-katholischen Liturgie wird diesem Bedürfnis nach Trost durch den allumfassenden Geist mit folgenden Worten Ausdruck verliehen: „Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach; aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“ Nicht nur Religionen, sondern auch führende Quantenphysiker sind davon überzeugt, dass eigentlich alles Eins ist:

  • Erwin Schrödinger: „Bewusstsein gibt es seiner Natur nach nur in der Einzahl. Ich möchte sagen: die Gesamtzahl aller »Bewusstheiten« ist immer bloß »eins«.“
  • Hans-Peter Dürr: „Materie als auch die Vorstellung von der Getrenntheit sind eine reine Illusion. Alle Atome des Universums sind im Hintergrund miteinander verbunden.“

Woher kommt dann diese Illusion der Getrenntheit? Könnten nicht alle Wesen des Universums mit dem allumfassenden Geist verbunden sein? Wenn der allumfassende Geist schon unbedingt eine Welt mit Leben und Leid erschaffen musste, warum hat er sich nicht einfach damit zufriedengegeben, sich an seinem allwissenden, nahezu allmächtigen und allumfassenden Bewusstsein zu erfreuen? Warum hat er sich nicht einfach damit begnügt, ewig in dem glückseligen Zustand von Erkenntnis, Frieden und Einheit zu verharren, den Meditationsmeister so sehnsüchtig über Jahrzehnte hinweg anstreben? Warum hat sich dieser Geist nicht einfach in seinem mentalen Sessel zurückgelehnt und sich mit seinem reinen Geistsein abgefunden? Welche wunderliche Laune hat ihn dazu bewogen, jeglichen bewussten Kontakt zu seinen Geschöpfen abzubrechen und sie mit ihrer Angst, ihrer Verzweiflung und ihrem Leid alleine zu lassen?

Getrenntheit gegen die Langeweile

Getrenntheit ist nötig, um die große Langweile des allumfassenden, allmächtigen und allwissenden Geistes zu überwinden. Es gibt nichts Langweiligeres als Geschichten, in denen alles eitel Sonnenschein ist, Geschichten, in denen allmächtige Überwesen jedes Problem mit einem Fingerschnippen lösen und der Zustand des Allwissens macht jegliche Überraschung, jegliches Staunen zunichte. Erst die Getrenntheit, erst die Limitierung unseres Daseins schafft Herausforderungen, schafft Abwechslung und bringt Spannung ins Leben. Es ist wie ein Spiel mit unterschiedlichen Spielfiguren. Solange der Geist alle Züge aller Figuren gleichermaßen kennt, ist das Spiel langweilig, nicht spannender als ein Selbstgespräch oder der Versuch, gegen sich selbst Schach zu spielen. Verliert der Geist jedoch jedes Mal wenn er sich in eine der Spielfiguren hineinversetzt sein allumfassendes Wissen und seine Macht, so wird das Spiel vielfältig, bunt und kurzweilig.

Getrenntheit ermöglicht Liebe

Getrenntheit ist nötig, um wahrhaft große Gefühle erleben zu können. Ohne Getrenntheit sind Gefühle wie Liebe, Freude, Humor, Sehnsucht ja selbst Trauer nur ein schaler Abgesang. Wir können zwar selbstverliebt sein, doch wahre Liebe können wir nur gegenüber anderen empfinden. Sich selbst eine Freude zu bereiten ist weit weniger befriedigend, als wenn uns ein geliebter Mensch mit etwas erfreut. Der Versuch, über einen eigenen Witz zu lachen, ist ähnlich zum Scheitern verurteilt, wie sich selbst zu kitzeln. Und auch negative Gefühle, die jedoch unser Innerstes berühren, benötigen Getrenntheit. Wie sollten wir Sehnsucht nach etwas empfinden, das stets bei uns ist? Wie könnten wir jemanden betrauern, der außerhalb von uns selbst nie existiert hat? Vielleicht werden Sie sagen, das ist doch toll, ein Leben ohne Sehnsucht und ohne Trauer. Doch sind es nicht gerade diese beiden leidvollen Gefühle, die uns die Kostbarkeit der Liebe vor Augen führen? Wie soll ich etwas schätzen, was jederzeit verfügbar und nie vergänglich ist? Wer ist sich schon dessen bewusst, wie wertvoll die Luft ist, die wir atmen?

Getrenntheit ermöglicht das Abenteuer

Die spektakulärste Form von Kurzweil ist das Abenteuer. Wären alle Wesen direkt miteinander verbunden, könnte keines davon dem anderen ein Leid zufügen. Es würde dieses Leid ja direkt selbst spüren. Niemand, der noch bei Verstand ist, verletzt sich selbst. Das Tolle daran wäre, dass alle Kriege, alle Verbrechen auf einen Schlag beendet wären. Doch im Gegenzug würden auch alle Abenteuer verhindert. Und dabei geht es gar nicht nur um die Abenteuer, die mit dem Kampf von Gut und Böse verbunden sind. Natürlich wird durch die Getrenntheit das aktiv Böse möglich und mit dem Bösen entsteht Platz für Heldinnen und Helden. Aber auch all die Abenteuer, bei denen es gar nicht um den Kampf Gut gegen Böse geht, wären plötzlich undenkbar. Riskante Expeditionen und extreme sportliche Erlebnisse würden nicht mehr stattfinden. Alles, was unter dem Motto läuft, „No risk, no fun“, wäre passé. Und warum? Weil jeder, der es vorsichtiger liebt, der eben kein Risiko und die damit verbundene Gefahr, sich zu verletzen, eingehen möchte, würde beim leisesten Anzeichen für einen Abenteurer sofort einschreiten. Denn jeden Schmerz, den sich ein Abenteurer zufügt, müssten dann ja auch die Vorsichtigen ertragen, die darauf überhaupt keine Lust haben. Eine Gesellschaft aus miteinander verbundenen Wesen wäre somit eine verdammt langweilige Spaßverhinderungsgesellschaft.

Zerstreuung im wahrsten Sinne des Wortes

Wenn also der allumfassende Geist der Ödnis und Hoffnungslosigkeit ewigem, allwissenden Daseins entfliehen wollte, dann hat ihm die Erfindung des Lebens und der Getrenntheit die ideale Ausflucht geboten. Er kann sich somit im wahrsten Sinne des Wortes zerstreuen, verteilen auf alle Individuen und mit jedem Leben neue Abenteuer und große Gefühle erleben. Gleichzeitig bietet ihm die Erfindung des Todes aber auch wieder die Möglichkeit, unerträglichen Daseinsformen und Schicksalen zu entfliehen, eine Flucht, die ihm bis zur Erfindung des Lebens lange verwehrt war. Bemerkenswert ist, dass wir Menschen uns ähnlich verhalten und selbst virtuelle Spielwelten erschaffen, in die wir uns zurückziehen, um uns von der Ödnis unseres eigenen Daseins zu flüchten. Und auch wir können zwischen mehreren virtuellen Existenzen wechseln und parallel mehrere Rollen einnehmen. So können wir im Harry Potter Spiel ein eifriger Zauberlehrling sein, in Grand Theft Auto ein kleinkriminelles Mitglied einer Gang und in Tomb Raider werden selbst männliche Spieler zu Lara Croft. Wir können beliebig oft die Rollen wechseln und wenn wir eine dieser Rollen eingenommen haben, dann sind wir ganz gefangen in der jeweiligen Spielwelt. Unsere Probleme in der „realen“ Welt haben wir dann genauso vergessen, wie die Probleme, mit denen wir uns gerade in den anderen Spielen herumärgern. Ist das nur eine Möglichkeit des menschlichen Gehirns oder ist das viel mehr die Natur des allumfassenden Geistes, der uns alle gleichermaßen erfüllt?

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