Kann etwas allmächtig und gut zugleich sein?

Das Wichtigste in Kürze

Das Beispiel eines Programmierers zeigt, dass ein Schöpfer in seinem Universum theoretisch absolute Allmacht haben könnte. Dabei ist er nicht an Logik und Naturgesetze gebunden. Gut ist nicht gleich Gerechtigkeit, Moral, Wahrheit und Liebe, Gut bedeutet, keinem Wesen Leid oder Elend zuzufügen und möglichst allen Geschöpfen Freude und Glückseligkeit zu bringen. Das wohl größte Paradoxon des christlichen Glaubens ist die These, dass der Schöpfer allmächtig sei und gleichzeitig für das absolut Gute stehen soll. Doch wäre dem so, dürfte es das Böse auf dieser Welt überhaupt nicht geben.


Der Schöpfer hat allmächtig zu sein

Allmacht ist eine der Schlüsseleigenschaften, die wir mit dem abendländischen Gottesbild verbinden. Wikipedia nennt drei denkbare Formen göttlicher Allmacht, die kompromissloseste ist folgende:

„Gott kann absolut alles, es gibt für ihn nicht nur keine denkbare, sondern gar keine Handlungsbeschränkung, d. h. er kann auch die Naturgesetze und die Gesetze der Logik (z. B. durch widersprüchliches Handeln) überschreiten.“

Darüber hinaus sind zwei Ebenen allmächtigen Handelns von Bedeutung. Zum einen die Allmacht als göttlicher Schöpfer, zum anderen die Allmacht als Weltenlenker.

Symbolische Schöpfungsgeschichten

Was den Schöpfungsakt anbelangt, haben die Naturwissenschaften alle bekannten Schöpfungsgeschichten widerlegt und außer den unverbesserlichen Kreationisten betrachten die großen Religionen ihre Schöpfungsberichte nur mehr als symbolisch zu verstehende Veranschaulichung.

Töpfer, Uhrmacher oder Programmierer

Dabei unterlief und unterläuft uns auch heute immer derselbe Fehler. Wir gehen stets davon aus, dass ein wie auch immer gearteter Schöpfer genauso funktioniert, wie wir es uns mit unserem aktuellen Wissensstand vorstellen können. Vor etwa 3000 Jahren hielt man den Schöpfer für einen Töpfer, der seine Welt modelliert und ihr dann Leben eingehaucht hat. Vor dreihundert Jahren, als Newton sein deterministisches Weltbild postuliert hatte, hielt man den Schöpfer für einen Mechaniker, der das Universum wie ein präzises Uhrwerk geschaffen hat, ohne dabei Platz für den kleinsten Zufall zu lassen. Und heute tendieren viele dazu, den Schöpfer als eine Art Programmierer zu verstehen, der die Welt wie eine virtuelle Realität erschaffen hat.

Evolution und Allmacht sind schwer vereinbar

Wir müssen zwar davon ausgehen, dass der allumfassende Geist, wohl völlig anders in den Schöpfungsakt eingegriffen hat, denn auch der allmächtige göttliche Programmierer lässt sich nur schwer mit der gängigen Evolutionstheorie vereinbaren (mehr dazu im Beitrag „Ist der schöpferische Geist mit der Evolutionstheorie vereinbar?“).

Der allmächtige Programmierer

Die Vorstellung des Schöpfers als Programmierer hilft uns jedoch sehr bei der Antwort auf die Frage nach der absoluten Allmacht. Denn der Entwickler einer virtuellen Welt besitzt, entsprechend geniale Programmierfähigkeiten vorausgesetzt, absolute Macht. Er kann beliebigen Fabelwesen Leben einhauchen, er kann die Naturgesetze nach seinem Gutdünken verändern, er kann jegliche Form von Magie wirken.

Zeitreisen und Prophezeiungen

Selbst Raum und Zeit spielen für ihn keine Rolle. Wenn er entsprechende Sicherungskopien angelegt hat, kann er an jeden Punkt in der Vergangenheit seines Spiels zurückspringen, dort Dinge verändern und wieder in die aktuelle Zeit vorspringen. Und selbst die Zukunft kann unser Programmierer vorhersagen. Er kann jede beliebige Zukunftsprognose abgeben, selbst wenn er nicht weiß, wie sich jeder einzelne Spieler bis dahin verhalten wird, seine Allmacht versetzt ihn in die Lage, seine Prognose zum gegebenen Zeitpunkt Realität werden zu lassen.

Selbst Unendlichkeit ist möglich

Er kann beliebig große und beliebig kleine Welten erschaffen. Überall da, wo seine Spieler hinblicken, kann er dynamisch neue Details entstehen lassen, ohne dabei gleich ein unendlich großes System erschaffen zu müssen. Für die Spieler wird die virtuelle Welt jedoch unendlich erscheinen, denn sie werden nie an Grenzen stoßen. Nichts, was menschliche Phantasie ersinnen kann, ist ihm unmöglich.

Absolute Macht über alle Wesen

Unser allmächtiger Programmierer kann natürlich auch jederzeit in das laufende Spiel eingreifen, wenn er feststellt, dass sich ein Spieler nicht an die Spielregeln hält. Egal welche Fähigkeiten die Spielfigur eines Anwenders während des Spiels erworben hat, der Programmierer kann ihr jede einzelne zu jedem Zeitpunkt wieder nehmen. Die Spielfigur eines gewaltigen Dämons ist mit ein paar Programmzeilen zum magisch unbefähigten Sterblichen degradiert. Er kann Charaktere nach Belieben sterben lassen und wiederbeleben. Er kann parallele Welten auf verschiedenen Servern laufen lassen und Spielfiguren zwischen den Welten hin und her reisen lassen. Unser Programmierer ist auch an keine logischen Grenzen gebunden, er kann seine Welt sogar wie einen chaotischen Alptraum erscheinen lassen, bei dem Figuren und Naturgesetze sich jederzeit und ohne nachvollziehbare Ursache ändern können.

Genau das ist absolute Allmacht

Weder gut noch böse

Was das Gute anbelangt, ist das gar nicht so einfach zu definieren. Gerechtigkeit, Moral, Wahrheit und Liebe sind Begriffe, die wir oft mit dem Guten gleichsetzen, aber stehen sie wirklich für das absolut Gute? Nein, denn diese Werte werden leider oft missbraucht, um damit sehr böse und grausame Dinge zu rechtfertigen. Für sich selbst sind sie weder gut noch böse.

Grausame Gerechtigkeit

Beginnen wir mit der Gerechtigkeit. Ohne Gerechtigkeit kann keine Gesellschaft dauerhaft bestehen, denn Ungerechtigkeit führt zu Wut und Revolution. Doch absolute Gerechtigkeit bedeutet auch, nicht nur das Gute, sondern auch das Schlechte ohne wenn und aber zu verteilen. Das Alttestamentarische Aug um Aug und Zahn um Zahn steht also für die absolute Gerechtigkeit. Auf diesem Prinzip basieren Todesstrafe und Folter. Und im Einzelfall mag es durchaus unseren Sinn für Gerechtigkeit befriedigen, wenn einem Terroristen, der das Gesicht einer wunderschönen Frau mit Säure zerstört und unendliches Leid über sie gebracht hat, selbst das Augenlicht genommen wird. Doch ist es immer noch gerecht, einem Unfallverursacher dasselbe Leid zuzufügen, das seinen Opfern widerfahren ist? Egal wie gerecht solche Strafen sein mögen, in Summe helfen sie nicht den Opfern, sondern verbreiten nur noch mehr Leid und Elend.

Tödliche Moral

Ebenso fatal ist Moral, die zum Selbstzweck wird. Auch mit ihr kann dann genau das Gegenteil von Gut erreicht werden. Wenn die allgemeine Moralvorstellung gewisse Lebensformen als unmoralisch definiert, dann kann sie damit Glück und Liebe zerstören und somit auch wieder zu Leid und Elend führen. Unsere Welt ist voll von solchen moralischen Zwängen, die zum Bösen führen. Harte Strafen für Ehebruch, Verfolgung Homosexueller, Verbot von Rassenvermischung.  Niemand ist glücklich, wenn ihn sein Partner hintergeht. Doch wenn eine 12-jährige mit einem 75-jährigen zwangsverheiratet wird und dann mit 18 für die zärtliche Liebe zu einem Gleichaltrigen zu Tode gesteinigt wird, mag das durchaus dem Moralbegriff gewisser Kulturen genügen, doch für das absolut Gute steht dies sicher nicht.

Verletzende Wahrheit

Aber auch die Wahrheit steht nicht immer für das Gute, denn aus dem Mund eines Sadisten kann sie weit mehr Schaden anrichten, als so manche Notlüge. Und das Gemeine daran ist, ein solcher Sadist fühlt sich auch noch gut dabei, wenn er jemandem mit seinen Worten richtig wehtun kann, denn er sagt doch bloß die Wahrheit. Nichts anderes gilt für all die Petzen und Verräter, für all diejenigen, die einem ungefragt die eigenen Schwächen entgegen schleudern oder all die Juroren gewisser Talentshows, die mit ihrer gnadenlosen Ehrlichkeit die Seelen naiver Kids zertrümmern.

Mörderische Liebe

Und selbst das wundervolle Phänomen der Liebe ist leider auch einer der häufigsten Gründe für Mord und Selbstmord. Denn wenn die ganz große Liebe nicht erwidert wird, so schlägt sie manchmal in Hass um. Und wenn ich den geliebten Mensch nicht haben kann, dann soll ihn keiner bekommen. Oder ohne meine große Liebe kann und will ich nicht mehr leben.

Das Gute nur eine Frage des Betrachters?

Wenn also all die Grundpfeiler dessen, was wir für Gut halten, auch das Böse zur Folge haben können, kann es dann überhaupt das absolut Gute geben? Halten sich bei einem kriegerischen Konflikt nicht beide Seiten unabhängig voneinander für die Guten? Ist es vielleicht nicht sogar so, dass das Gute nur eine Frage des Betrachterstandpunkts ist? Solange wir von getrennten Einzelindividuen ausgehen, stimmt das. Der Kammerjäger, der uns von der Mäuseplage befreit hat, gehört für uns zu den Guten. Aus Sicht der Mäuse ist er das absolut Böse.

Die Gesamtsicht bringt die Antwort

Erst wenn wir alle fühlenden Wesen gesamtheitlich sehen, lässt sich das absolut Gute definieren. Ganz im Sinne des griechischen Dichters Aesop, der schon vor 2500 Jahren feststellte: „Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz.“ Alle Handlungen, die bei irgendeinem fühlenden, beseelten Wesen Leid und Elend zur Folge haben, können nicht gut sein, auch wenn sie uns vielleicht notwendig erscheinen.

Das absolut Gute

So steht also das absolut Gute für ein Handeln, das bei keinem betroffenen Wesen Leid oder Elend verursacht und auf der anderen Seite möglichst allen Freude und Glückseligkeit bringt.

Das absolut Gute steht über allen Prinzipien

Gerechtigkeit, Moral, Wahrhaftigkeit und Liebe sind nicht die Voraussetzung für das absolut Gute, sondern sie resultieren daraus. Denn das Bestreben, niemandem Leid dafür aber möglichst allen Freude zu bringen, ist absolut gerecht. Keiner würde sich so mehr zum Nachteil anderer bereichern. Auch der Moral ist Genüge getan, denn mit einem guten Handeln werden wir Dinge unterlassen, die die Gefühle anderer verletzen, wir nehmen also Rücksicht. Im Gegenzug bedeutet es aber auch, dass wir uns nicht in die intimen Dinge unserer Nächsten einmischen, denn die Moral steht nicht über dem Bedürfnis des Einzelnen nach Freude, Glückseligkeit und Intimität. Die Wahrhaftigkeit kommt auch nicht zu kurz, denn wir würden niemanden belügen, um ihm damit zu schaden. Letztendlich ist das absolut Gute auch die Voraussetzung für die ideale Liebe, die es nur dann geben kann, wenn für beide Seiten daraus Freude und Glückseligkeit entsteht.

Das Gegenteil von Gut

Das absolut Böse ist natürlich das Gegenteil vom absolut Guten. Somit wäre ein absolut böses Handeln ein solches, das ALLEN betroffenen Wesen Leid und Elend bringt und jegliche Freude und Glückseligkeit abtötet.

Nur Befriedigung beim Quälen

In Folge daraus steht das absolut Böse auch für die Negierung aller Prinzipien, die aus dem Guten folgen, wie Gerechtigkeit, Moral, Wahrhaftigkeit und Liebe. Wo ein absolut guter Mensch dann Befriedigung empfindet, wenn er anderen eine Freude bereitet, zieht das absolut Böse seine abartige Befriedigung aus dem Leid anderer. Das absolut Böse ist ungerecht, unmoralisch, verlogen und von Hass erfüllt und es kennt keine reine Freude und Glückseligkeit.

Auch die Bösen wollen das Gute

Diese Definition zeigt,  dass bis auf wenige Psychopaten die meisten bösen Menschen gar nicht das absolut Böse wollen. Denn in der Regel streben sie ja selbst nach Freude und Glückseligkeit, zumindest für sich, ihre Freunde, ihre Familie oder ihre Gang. Es ist ihnen jedoch herzlich egal, ob sie bei ihrem Streben nach dem ‚Guten‘ für sich selbst, anderen schaden. Nur die wenigsten begehen ihre Taten mit dem primären Ziel, sich am Leid ihrer Opfer zu berauschen.

Wir sind leider nicht die Guten

Aus globaler Sicht verhält sich die Menschheit wie ein ganz gewöhnlicher Verbrecher. Wir sind nicht wirklich böse, aber wir streben nach Glück für uns, unsere Familie und unser Volk. Dabei nehmen wir wissentlich in Kauf, dass in anderen Ländern Menschen für unseren Konsum zu Sklavenlöhnen ausgebeutet werden. Wir halten Tiere unter unwürdigsten Bedingungen, berauben sie der Freiheit, lassen sie leiden für einen maximalen Ertrag um sie letztendlich für unseren Genuss zu töten. Und überall da, wo wir Profit erzielen können, zerstören wir die Natur. Langsam kommen wir an den Punkt, wo es so nicht weitergeht, denn die Schäden die wir hinterlassen, beeinträchtigen auch unsere eigene Existenz.

Es ist schon ein wenig ernüchternd festzustellen, dass wir beileibe nicht zu den Guten gehören.

Gott ist gut, nur der Teufel ist böse

Was ist aber nun mit der Kombination aus absoluter Güte und Allmacht? Wie kann ein allmächtiger, guter Gott Leid und Elend zulassen. Die Christen haben als Antwort den Teufel. Somit kommt das Böse nicht von Gott sondern von eben diesem Teufel. Doch auch dieser Ansatz lässt sich nicht mit dem Prinzip der Allmacht vereinbaren. Denn wäre Gott wirklich allmächtig, so könnte er jederzeit dem Bösen Einhalt gebieten. Die Alternative ist, dass er Satans Treiben billigt, dann stünde er aber nicht für das absolute Gute, das ja jegliches Leid und Elend verhindern möchte.

Gott möchte uns prüfen

Und auch hier ist das Christentum nicht um eine Antwort verlegen, nämlich, dass Gott uns mit dem Bösen prüfen möchte. Aber sein wir mal ehrlich, würden Sie einen Vater als das Prinzip des absolut Guten bezeichnen, der seinen Kindern den Konsum von Alkohol, Zigaretten und Pornos verbietet und sie gleichzeitig in einer Wohnung alleine lässt, die voll mit diesen Dingen ist, um dann seine Kinder mit ewiger Verdammnis zu bestrafen, wenn sie der Versuchung erlegen sind?

Gottes Wege sind unergründlich

Doch selbst dieses Argument wird von den Verfechtern des allmächtig Guten beiseite gefegt, indem sie uns darüber aufklären, dass Gottes Wege unergründlich seien. Spätestens dann läuten bei mir jedoch alle Alarmglocken. Das ist nämlich immer dann der Fall, wenn mir jemand weiß machen möchte, ich müsse etwas Widersprüchliches glauben, da man es einfach nur nicht verstehen kann. In so einem Fall ist es meines Erachtens sinnvoller, die Ausgangsthesen in Frage zu stellen, als jemandem gegen jede Vernunft naiv zu vertrauen.

Allmächtig und Gut widersprechen sich

Für uns bedeutet das, der allumfassende Geist kann entweder allmächtig ODER gut sein, beides zugleich ist nicht möglich, sonst müssten wir in einer vollkommenen Welt ohne Leid und Elend leben.

 

 

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