Haben Gebete eine Wirkung?

Das Wichtigste in Kürze

Die Wirkung von Gebeten wurde in zahlreichen Studien untersucht. Seriöse Studien konnten keine positiven Effekte ermitteln. Bei der STEP-Studie trat sogar ein negativer Gebetseffekt auf. Doch eben der ist ein sicherer Beweis für die metaphysische Wirkung von Gebeten.


Ohne Gebete kein Glaube

Es gibt keine Religion bei der kein Dialog zwischen den Gläubigen und Gott stattfindet. In diesen Gebeten danken wir Gott für das Gute was uns widerfährt aber vor allem richten wir dabei Bitten an Gott. Und genau darin hat der Begriff Beten seinen Ursprung, nämlich im Wort Bitten. Wenn also Gebete grundsätzlich keine Wirkung hätten, würde einer der wichtigsten Grundpfeiler des Glaubens wegbrechen.

Gebete ins Labor

Im Gegensatz zu nahezu allen anderen Glaubensfragen müsste sich die Wirkung von Gebeten wissenschaftlich sehr genau analysieren lassen, denn wir haben mit dem Gebet eine gezielt steuerbare Ursache, können sie durch entsprechend viele Probanden beliebig skalieren und dann die erzielte Wirkung erfassen und statistisch auswerten.

Hoaxes statt Beweise

Also befragte ich mal wieder Google und stieß sofort auf einen euphorischen Artikel über den wissenschaftlichen Beweis für die Kraft von Gebeten durch einen berühmten Wissenschaftler namens N.J. Stovell. Angeblich hatte der im Moment des Todes einer alten Dame während ihres letzten Gebetes auf einem nicht näher beschriebenen Messgerät einen 55-mal stärkeren Ausschlag gemessen, als bei einem starken Rundfunksender. Als Elektroingenieur kam mir das schon mal recht seltsam vor, denn Funkwellen von solcher Stärke würden massive Störungen hervorrufen und sind auch nicht ganz ungefährlich. Als dieser Stovell auch noch beim Tod eines bösen Menschen einen entsprechend hohen negativen Ausschlag nachwies staunte ich nicht schlecht. Denn mir ist zumindest kein Messgerät bekannt, das negative Funkenergie misst, denn es handelt sich bei Funkwellen um Schwingungen um einen Nullwert. Das ist wie bei Wellen auf dem Meer, wir haben Wellenberge und Wellentäler, es gibt keine rein positiven oder rein negativen Wellen. Als ich dann auf die Suche nach diesem „berühmten“ Wissenschaftler ging, stieß ich stets nur auf diesen seltsamen Bericht, der aus dem Buch „The Prayer Complement“ stammte und ungeprüft in deutschsprachigen Foren und auch Büchern widergegeben wurde. Nur einen US-amerikanischen Kern- oder Molekularwissenschaftler (auch hier war der Artikel vage) namens Stovell geschweige denn Veröffentlichungen von ihm konnte ich nicht finden. Nachdem der Artikel explizit von einem „berühmten“ Wissenschaftler spricht, können wir von einem typischen Hoax, also einer gezielten Falschmeldung ausgehen, die gerade zum Thema Gott und Glauben recht schamlos und nicht erst seit der Erfindung des Internets verbreitet werden. Schade eigentlich, da solche meist gut gemeinten Schummeleien der Sache eher schaden als zu helfen, denn so fühlen sich Zweifler in ihrer Überzeugung, dass das eh alles nur Aberglaube und Betrug ist, bestätigt.

Ernüchterung macht sich breit

Also weiter auf die Suche nach seriösen Studien. Schnell stellte sich heraus, dass hier besonders US-amerikanische Forschungseinrichtungen aktiv sind, die eher dem christlich fundamentalistischen Lager zuzuordnen sind. Etwas skeptisch las ich mich in die Berichte ein und staunte nicht schlecht. Denn neben einigen wenig überzeugenden kleineren Studien, die nicht den wissenschaftlichen Standards genügen, gibt es tatsächlich zwei großangelegte Studien, die mit wissenschaftlich sauberen Methoden und statistisch relevanten Ergebnissen aufwarten. Die eine, Mantra II genannt, wurde von Prof. Mitchell W. Krucoff an der Duke-University in North-Carolina durchgeführt. Bei 748 Patienten die sich einem Eingriff am Herzen unterziehen mussten wurde die Wirkung fremder Gebete überprüft. Das Ergebnis war ernüchternd, es gab schlicht keine Wirkung.

Wirkungslosigkeit ist die Realität

Doch sein wir uns mal ehrlich, deckt sich das nicht durchaus mit unserer Alltagserfahrung? Wann haben Gebete wirklich gegen schlimme Dinge geholfen? Weder konnten sie Genozid, die Schändung heiliger Stätten noch aktuelle Gräueltaten von ISIS und anderen Terroristen verhindern. Auch dem Leid auf Kinderkrebsstationen scheinen sie nicht wirklich Einhalt zu gebieten. Ich sehe schon vor meinem inneren Auge das zufriedene Nicken aller Atheisten. Eigentlich könnte ich doch jetzt diesen Blog schließen, denn wie viel mehr Beweis ist noch nötig, um diesen ganzen Gottes-Hokus-Pokus endgültig aufzugeben?

Es kommt noch schlimmer

Doch so einfach ist es nicht. Denn es gab 2006 eine weitere, noch größer angelegte Studie von Prof. Herbert Benson, einem Kardiologen an der renommierten Harvard-Universität in Boston. Auch hier sollte überprüft werden, ob Fürbitten fremder Personen bei einer Herz-OP und der anschließenden Heilung eine positive Wirkung haben. Über 1800 Patienten nahmen an der Studie teil, doch die erhoffte positive Gebetswirkung blieb nicht nur aus, sondern es traten bei den Patienten für die gebetet wurde um 14 Prozent häufiger Komplikationen auf, als bei der Vergleichsgruppe für die nicht gebetet wurde. (Hier eine genaue Beschreibung der Studie: http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/herzkreislauf/article/407059/richten-gebete-kranke-menschen-schaden.html)

Atheisten bitte setzen

Keine Wirkung von Gebeten, damit können wir ja noch leben, aber eine signifikant negative Wirkung – 14 Prozent sind bei so einer Untersuchung ein gewaltiger Wert – das geht ja gar nicht. Auch wenn Sie sich als überzeugter Atheist vielleicht gerade köstlich darüber amüsiert haben, dass diese Studie so richtig schön nach hinten losgegangen ist, sollten Sie sich jetzt gut hinsetzen, denn was nun kommt, dürfte ihr Weltbild weitaus stärker erschüttern, als dies ein positives Ergebnis der Studie getan hätte.

Eine Ohrfeige für Christen und Atheisten

Ein positives Ergebnis hätten Sie nämlich einfach mit dem Standardargument zurückweisen können, dass hier sicher wieder jemand geschummelt hat. Bei einem negativen Ergebnis können wir aber davon ausgehen, dass Professor Benson nicht gemogelt hat, denn er wollte ja genau das Gegenteil beweisen. Und nun kommt es: Nur solange Gebete keine Wirkung haben, können Sie als Atheist davon ausgehen, dass auf der anderen Seite auch keiner sitzt und darauf reagiert. Haben Gebete jedoch eine Wirkung, so bedeutet es, dass hier etwas Spirituelles gewirkt hat, und dabei spielt es keine Rolle, ob die Wirkung nun positiv oder negativ ist. Das ist so, als würden Sie sich mit einem Freund darüber streiten, ob einer Götterstatue nun ein Geist innewohnt oder nicht. Wenn nun die Figur auf die Gebete Ihres Freundes reagiert, ganz gleich ob sie ihm einen Wunsch erfüllt oder ihm eine runterhaut, dann ist das ein eindeutiger Beweis dafür, dass Ihr Freund Recht hat.

Ratlosigkeit bei den Auftraggebern

Nun stellt sich natürlich die Frage, wie müssen wir diese 14 Prozent Ohrfeige interpretieren? Nachdem die STEP-Studie sich an höchste wissenschaftliche Standards gehalten hat, können wir schon mal methodische Fehler ausschließen, was den Auftraggebern der Studie sicher massive Kopfschmerzen bereitet hat. Die These, dass Gott, oder welcher wie auch immer geartete Geist mit den Gebeten erreicht wurde, keine Macht über uns besitzt, können wir ebenfalls verwerfen, denn jede Form von messbarer Reaktion ist ein Beleg dafür, dass ein metaphysicher Geist durchaus auf uns wirken kann.

Ist Gott vielleicht gar nicht gut?

Sehr beunruhigend ist die Schlussfolgerung, dass Gott in Wirklichkeit böse sein könnte. Wir beten und statt uns zu helfen schadet er uns. Irgendwie scheint das gut zu der Tatsache zu passen, dass Nazigrößen ungehindert ihre Gräueltaten wirken konnten, um nach Kriegsende sogar noch Unterstützung durch die katholische Kirche bei ihrer Flucht nach Südamerika zu erhalten. Ja selbst Adolf Hitler konnte allen Attentaten unbeschadet entkommen, fast so als hätte sein Schutzengel sich besonders für ihn engagiert.

Göttliche Verärgerung

Doch anstatt gleich die Herrschaft des Antichristen heraufzubeschwören sollten wir zunächst nach einer anderen, plausibleren Erklärung Ausschau halten. Diese Abweichung um 14 Prozent ist zwar signifikant aber nicht dramatisch. Eben eine schmerzhafte Ohrfeige und nicht gleich das Wirken satanischer Kräfte. Doch warum sollte Gott verärgert auf dieses durchaus wohlgemeinte Experiment reagiert haben? War es Blasphemie, ihn, den Allmächtigen mit der seelenlosen Methodik der Wissenschaft auf die Probe zu stellen? Lag es an den Gebeten selbst, die ja nicht aus tiefer innerer Überzeugung gesprochen wurden, sondern aufgrund eines wissenschaftlichen Leitfadens vorgegeben waren? Das könnte ähnlich in die Hose gehen, wie der Versuch, die Wirkung von Liebeserklärungen zu messen, indem man zufällig ausgewählte Männer beauftragt, ebenso zufällig ausgewählte Frauen anzusprechen und dabei standardisierte Texte aufzusagen.

Papa wird’s nicht richten

Vielleicht ist die Reaktion aber gar keine schallende Ohrfeige sondern nur ein liebevoller Klaps eines genervten Vaters, der möchte, dass seine flügge gewordenen Kinder nun endlich lernen, auf eigenen Beinen zu stehen und Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Denn eins ist klar, wäre die STEP-Studie ein Erfolg gewesen, wäre das einem Freibrief gleich gekommen, nach dem Motto, egal was ihr Menschen auch verbockt, Papa wird’s schon richten, ihr müsst einfach nur intensiv genug beten. Doch die Botschaft der STEP-Studie könnte auch folgendermaßen interpretiert werden: „Ja, ich bin da. Ja, ich höre eure Gebete, aber so bitte nicht. Ich bin weder euer Versuchskaninchen noch euer Problemlöser.“

Hilf Dir selbst, so hilft Dir Gott

Ich glaube nicht, dass das gleich bedeutet, dass wir am besten gar nicht mehr beten. Doch vielleicht sollten wir bei der Wahl unserer Gebete umdenken und in der Zwiesprache mit Gott ähnlich besonnen sein, wie im Gespräch mit jemandem, den wir sehr schätzen. Denn bei einer solchen Person werden wir auch nicht auf die Idee kommen, sie mit Kleinigkeiten und Experimenten zu nerven. Darüber hinaus können wir bereits heute mit großer Sicherheit sagen, dass eigene Gebete von Menschen in Not durchaus positiv wirken. Selbstheilungskräfte werden verstärkt und allein die Hoffnung gibt einem die Kraft, Probleme selbst zu lösen. Nur ob diese positive Wirkung ausschließlich auf psychologischen Effekten basiert oder ob Gott vielleicht auch noch seinen Teil dazu beiträgt lässt sich nicht klären. Und ich fürchte, eine entsprechende Untersuchung könnte ähnlich scheitern wie die STEP-Studie.

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